13.11.2010

Tibetbericht 2010

Von Annika Seitz und Kristina Broer

 

Wir haben schon früh begonnen, das Tadra-Projekt zu unterstützen. Die UNESCO-AG, heute Tadra-AG, eine Arbeitsgemeinschaft unserer ehemaligen Schule (Pestalozzi-Gymnasium Unna), unterstützt das Tadra-Projekt seit seiner Gründung. Sie sammelt Geld durch ein kleines Bistro in der Schule, den Verkauf tibetischer Ware, wie Schmuck und Taschen, und des jährlich selbstgestalteten Kalenders. Im Rahmen dieser AG organisiert der leitende Lehrer Manfred Bergermann alle zwei Jahre eine Reise nach Tibet mit Besuch der Kinderdörfer. Somit waren wir 2005 mit 14 Jahren das erste Mal im ersten Kinderdorf in Dawu und wurden direkt von der Offenheit und Herzlichkeit der Kinder in den Bann gezogen. 2007 mussten wir somit direkt wieder hin und besuchten im dem Zusammenhang auch das zweite Kinderdorf in Golok, welches dort gerade in seiner Anfangsphase war. Damals lebten knapp 40 Kinder in zwei Häusern. Da wir nur zwei Nächte dort verbrachten und die Kinder alle sehr schüchtern waren, haben wir damals nicht so enge Kontakte knüpfen können wie zu einzelnen Kindern in Dawu.

Weil wir all die Kinder und das Land seit 2007 sehr vermisst haben, sind wir nach unserem diesjährigen Abitur zu zweit zum dritten Mal für sechs Wochen die weite Reise angetreten, um die Kinderdörfer auch mal für eine längere Zeit besuchen zu können und durch das Land zu reisen. Aufgrund der schwierigen politischen Lage in Dawu war es uns nur möglich, zehn Tage dort zu bleiben. Im politisch entspannteren Golok hingegen konnten wir drei Wochen bleiben und dort sogar Englisch unterrichten.

Das Wiedersehen in Dawu war atemberaubend, was wir in diesem Moment fühlten, ist nicht in Worte zu fassen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kinder gerade Ferien, wodurch wir die Zeit mit ihnen intensiv nutzen konnten. Somit fiel der Abschied von unseren Freunden noch schwerer als bei den vorherigen Reisen, bei denen wir nur wenige Tage mit einer Gruppe von 20 Leuten zu Besuch waren. Diesmal war auch der Kontakt mit den Amas und dem Leiter Jampa viel enger und wir fühlten uns wie ein richtiger Teil dieser großen Familie. Beiderseits flossen viele Tränen und nur das Versprechen, sich möglichst bald wiederzusehen, konnte alle etwas trösten.

Unser Weg führte uns zusammen mit einer der Amas, Anni Kesang, über Serthar nach Golok, wo wir als Englischlehrerinnen und sie als Teppichweblehrerin erwartet wurden. Der Kontakt mit den Kindern fiel dort zunächst anders aus als erwartet: Aus Dawu waren wir das sehr enge und herzliche Verhalten der Kinder gewöhnt, doch hier in Golok waren sie anfangs eher distanziert, da sie den Kontakt zu Ausländern nicht so gut kennen wie die Kinder in Dawu, doch im Laufe der Zeit gewöhnten sie sich an uns und wurden genauso verschmust und aufgeschlossen.

Anders als in Dawu lebten wir hier nicht in einem Gästehaus, sondern zusammen mit einigen Kindern in einem der zahlreichen Wohnhäuser. Wir teilten mit ihnen das Bad und die Ama, welche immer für uns da war und zu der wir ein besonders inniges Verhältnis pflegten.

Als Lehrerinnen hatten wir in Golok außerdem noch einen ganz neuen Blick auf die Kinder: Im alltäglichen Unterricht muss nach chinesischen Vorschriften ausschließlich mit Auswendiglernen und Nachsprechen gearbeitet werden, Kreativität und Eigeninitiative wird nicht unbedingt erwartet. Deswegen waren die Kinder anfangs überfordert von unseren „unkonventionellen“ Unterrichtsmethoden wie Rollenspielen und Comiczeichnen, dann aber doch schnell mit Spaß bei der Sache und von den für sie neuen Arbeitsweisen begeistert. Dabei fielen uns besonders die Yushu-Waisen auf, die erst seit ein paar Monaten in dem Kinderdorf lebten und zuvor keinen Englischunterricht hatten. Sie waren zu Beginn unseres Aufenthalts im Unterricht eher abwesend und beschäftigten sich mit anderen Dingen, doch im Laufe der Zeit brachten auch sie sich aktiver in das Geschehen ein. Das war für uns sehr schön mitanzusehen und der schönste Lohn für unsere Arbeit.

Ein weiteres besonderes Ereignis während unserer Zeit in Golok war die Ankunft neuer Kinder. Fast jeden Tag standen Männer und Frauen auf dem Gelände und stellten Thupten Nyima, dem Leiter des Dorfes, Kinder und deren Schicksale vor, um sie im Kinderdorf unterzubringen. In den drei Wochen, in denen wir vor Ort waren, wurden ungefähr zehn neue Kinder aufgenommen. Zu Anfang waren sie noch sehr eingeschüchtert und zurückgezogen, doch mit jedem neuen Tag tauten sie mehr und mehr auf und wir konnten mitansehen, wie sie ein Teil der Familie wurden.

All diese Beobachtungen und Ereignisse, die Kinder und ihre Herzlichkeit sowie all die Mitarbeiter vor Ort machten auch diese Reise wieder zu einem emotionalen und unvergesslichen Erlebnis, sodass wir am liebsten so schnell wie möglich wieder die Reise auf das Dach der Welt antreten wollen, um all unsere Freunde wieder in die Arme schließen zu können und unser beim Abschied gegebenes Versprechen „See you again“ einhalten zu können.

Denn wenn man beim Abschied in eines der vielen braunen Augenpaare blickt, weiß man, dass man wiederkommt, weil man irgendwo in Tibet etwas ganz Besonderes hat, was man nicht im Stich lassen darf.


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